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Ri-Ra-Rutsch wir fahren mit der Eisenbahn

Sieben Stunden Zugfahrt.

Das bedeutet sieben Stunden Enge, Langeweile, Beisammensein mit Menschen, die man nicht kennt.

Fremde Gerüche – manchmal zu nah und zu aufdringlich. Gespräche – manchmal banal, viel zu selten interessant. Viel zu selten angenehm.

 

Aber diesmal scheine ich Glück gehabt zu haben.

Nette Menschen neben mir im Abteil.

Eine Mutter mit Kind und zwei Männer, von denen einer eine wunderbare Barttracht trägt.

Er hat sein Ziegenbärtchen mit Perlen verziert. Herrlich!

Wir unterhalten uns über diverse Erlebnisse mit der Bahn, wundern uns gemeinsam darüber, dass das Unternehmen nicht schon längst pleite ist, ob seines Umganges mit den Kunden und bewundern die Bilder, die Mutters Tochter malt.

Erst später werden alle einsilbig und dösen vor sich hin.

So eine lange Zugfahrt strengt an.

 

Früher war jede Zugfahrt ein Erlebnis.

Da bekam man samstags extra schulfrei, wenn man mit den Eltern zum Einkaufen in die große Stadt fuhr.

Diese kleine halbe Stunde – was war sie aufregend!

Mein Bruder und ich saßen am Fenster und sahen die Welt an uns vorbeifliegen.

Erst Bäume, dann die großen Häuser der noch größeren Stadt.

„Fasst nicht alles an!“, mahnte uns unsere Mutter. „Wer da schon alles seine Finger dran hatte.“

Baumeln mit den Beinen. Wenn es regnete, den Weg der Regentropfen am Fenster verfolgen. Regentropfenrennen. Welcher war zuerst am Ziel?

 

Wenn wir ausstiegen empfingen uns immer derselbe Bahnhofsduft und immer dieselbe Kakophonie von Geräuschen aus quietschenden Zugbremsen, rufenden Menschen, Fußgetrappel und schrillem Trillern der Schaffnerpfeifen.

Und doch war alles immer wieder neu und aufregend, so dass wir mit staunenden Augen unseren Eltern folgten.

 

Heute bin ich froh, wenn ich jede Zugfahrt irgendwie gemeistert habe.

Denn Zugfahren bedeutet meist - und wenn ich Glück habe - nur Verspätung.

Interessant wird es, wenn der Zug ausfällt und irgendwo liegen bleibt.

Dann darf man hektisch nach Ersatzzügen suchen, die einen dem Ziel näher bringen.

Da sind dann oft drei und mehr Stunden Verspätung drin.

Ganz umsonst und kostenfrei.

Nur der Sitzplatz im sowieso schon völlig überfüllten Ersatz, ist nicht mehr drin.

Solche „Bahnevents“ treiben den Blutdruck in die Höhe und zerren an den Nerven.

 

Wie Reisende sich orientieren, die keine Bahn-App haben, weiß ich nicht.

Auf jeden Fall müssen auch sie - egal wie alt und beweglich - mit ihren Koffern raus aus dem Zug, die Treppe hoch, weil die Rolltreppe nicht funktioniert und auf der anderen Seite wieder runter.

Nein, diese Rolltreppe funktioniert auch nicht.

Dabei hatte man doch extra den IC statt des ICE gebucht, weil der durchfährt. Eigentlich…

 

Ich freue mich schon jetzt auf meine Bahnfahrten im nächsten Jahr, wenn bestimmte Streckenabschnitte zwecks Renovierung gesperrt werden und man mit noch mehr Verspätung rechnen darf.

Okay… verständlich. Irgendwann muss man ja mal das Streckennetz erneuern. Ja.

 

Aber wie man so dreist sein kann und eine Woche nach dieser freudigen Nachricht eine Fahrpreiserhöhung für 2019 ankündigen kann, erschließt sich mir nicht.

Na ja, der Kunde darf halt länger mit den veralteten Zügen fahren und für so viel extra Service muss man natürlich auch mehr zahlen. Ganz klar!

 

Aber heute bin ich erstmal ohne Verspätung und mit netten Gesprächen am Ziel angekommen und darf mich auf meine Rückfahrt in wenigen Tagen freuen, die vielleicht auch so reibungslos vonstatten geht.

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